Zum Inhalt

Dreiland I – 1. Der Gebrochene

Sie kamen. Er spürte es, noch bevor er sie hörte. Der näherkommende Hall der Schritte auf den steinernen Stufen erinnerte ihn an Peitschenhiebe.
Unwillkürlich verstärkten sich die Schmerzen in seinem Gesicht und seinen Gliedmaßen. Das Blut der Wunden war getrocknet, aber die Prellungen unter der Haut pochten. Sein ganzer Körper tat weh, auch die Stellen, an denen er nicht verwundet war. Die Muskeln hatten gekrampft und versucht, die Qualen auszugleichen, die man ihm zufügte.
Er bekam kaum Luft. Seine Nase fühlte sich wie eine riesige Knolle an. Durch die verstopften Löcher konnte er nicht atmen, aber wenigstens wurde bei jedem Einsaugen der Luft durch den Mund die aufgeplatzte Lippe gekühlt.
Der Steinboden, auf dem er bäuchlings lag, war kalt. Trotzdem glühte sein Körper. Zur Änderung der Position fehlte ihm jedoch jegliche Kraft.
Sein Herz raste, als er das Quietschen der Türangeln vernahm.
Nicht, dachte er. Bitte lasst mich! Lasst mich einfach hier liegen!
Er wusste, dass sein Wunsch nicht erhört werden würde.

Drei Männer betraten die Zelle. Einer von ihnen war sein Vater. Die Götter Vel und Umbra hatten ihn zum Vollstrecker in der hiesigen Welt ernannt und durch ihn ihr Missfallen an den Entscheidungen des Sohnes zum Ausdruck gebracht.
„Ich würde sterben für sie! Für sie und unser ungeborenes Kind!“, hatte er dem Vater entgegengerufen.
Er war vor drei Tagen in dem törichten Glauben, das strenge Familienoberhaupt durch seine flammende Leidenschaft erweichen zu können, vor den König getreten und hatte seine Liebe zu Silla bekannt. Ein schwerer Fehler, wie sich herausstellte. Es wäre besser gewesen, er wäre mit ihr davongelaufen.
„Das ist äußerst ehrenhaft von dir, mein Sohn“, hatte der Vater lächelnd entgegnet, „ehrenhaft und unglaublich dumm!“, und dann zum ersten Schlag von vielen ausgeholt. Dabei hatte der Tyrann seinen Sohn mit der Faust im Gesicht getroffen und ihm die Nase gebrochen. Danach hatte er ihn einkerkern lassen.
Es folgte eine Tortur aus Peitschenhieben, Faustschlägen und Worten wie Schwertstiche. Jetzt war er am Ende seiner Kräfte angelangt und zu keinem Widerstand mehr fähig. Die Erinnerungen an Silla, an ihre glänzenden Augen, ihre verzaubernde Wildheit und ihr Lachen waren in Blut ertränkt worden. Die Bilder waren verblasst. Sein Wille war gebrochen.

„Zieht ihn hoch!“, befahl der Vater.
Gnadenlose Hände rissen ihn an den Armen nach oben. Er stöhnte, aber seine Beine hielten ihn, obwohl sie sich wie ungebackener Brotteig anfühlten.
Er war größer und fülliger als sein Vater. Das Erbe der Mutter. Der Patriarch hingegen war schlank. Fast mager und sehr drahtig. Die Lippen waren schmal, die Miene verhärmt. Er konnte sich nicht erinnern, wann er den Vater jemals hatte lachen sehen.
Auch jetzt schaute er seinem Sohn eiskalt und schweigend in die geschwollenen Augen. Nach einer Weile sank der Blick des Jüngeren aus reiner Erschöpfung zu Boden, aber auch, wenn er sich in einem kräftigeren Zustand befunden hätte, wäre der Vater der Sieger gewesen. Er war der Bezwinger, der große Einiger von Velcor!
Ein Wink mit der Hand und der Sohn wurde von den beiden anderen Männern aus der Zelle geschleift.
Es ging viele steile Treppen hinauf, durch weitläufige Gänge mit hohen Fenstern und zahlreichen Türen. Endlos zog sich der Weg bis in seine Kammer, deren Ausstattung mit Teppichen, Decken, Kissen und anderen feinen Dingen er nun als blanken Hohn empfand.
Die Männer schleppten ihn zur Schlafstatt, warfen ihn unsanft ab und verließen den Raum. Die Tür flog zu, der Riegel wurde vorgeschoben, und nur um Schmerzen zu vermeiden, ließ er sich Zeit, bis er aus dem Sitzen zur Seite kippte.

Zu welcher Tages- oder Nachtzeit seine Mutter auf leisen Sohlen den Raum betrat, konnte er nicht sagen. Sie kam mit Dienerinnen und man zog ihm die durch Blut, Urin und anderen Dreck verunreinigte Kleidung aus, wusch ihn, reinigte die Wunden und flößte ihm Wasser ein.
„Es tut mir so leid, mein Schatz“, flüsterte die Mutter immer wieder mit tränenerstickter Stimme, wenn eine weitere Wunde zum Vorschein kam.
Er wollte ihr antworten, ihr sagen, dass er stark sei und es ertragen könne, doch die Worte blieben unausgesprochen.
„Mein Junge, ich bitte dich: Folge den Weisungen deines Vaters“, flehte sie ihn an. Alles, was er als Antwort zustande brachte, war ein zaghaftes Nicken.
„Den Dualis sei Dank!“, sagte sie und küsste sanft seine verbundenen Hände.
Die Götter sind verfluchte Bastarde!, dachte er und trank den starken Sud aus Schlafkraut, den ihm eine Dienerin reichte. Dankbar war er bloß für das Nichts, welches ihn kurz darauf einhüllte.

 

 HIER kostenlos!
Oder für € 0,99 bei Amazon
Mehr zum Inhalt von Dreiland I

Published inAllgemeinDreiland1RomanSchreiben

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.