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Dreiland I – 2. Der Fremde

Es klopfte an der Tür.
Signe fuhr erschrocken zusammen und stach sich mit der Nadel in den Finger. Etwas Blut tropfte auf das Kleid, das sie gerade flickte.
Sie sah irritiert zur Hausherrin Brigga, die aus dem Schlummer aufgeschreckt war. Deren Hand schraubte sich in den schmächtigen Arm ihres Mannes Borge, der gedankenverloren in das Kaminfeuer gestarrt hatte und jetzt misstrauisch die Augen verengte.
Signe versuchte, von ihrem Platz am Fenster durch die Butzenscheiben des Bauernhauses hinauszusehen, aber außer am Glas schmelzenden Schneeflocken war nichts zu erkennen.
Wieder klopfe es, dieses Mal eindringlicher.
Nervös wandten die drei Personen ihre Köpfe zur geschlossenen Zimmertür. Dahinter befand sich ein ungemütlicher Flur und an dessen Ende die sorgfältig versperrte Haustür.
„Worauf wartest du denn, du Kalb?“, fauchte Brigga das Mädchen an. „Schau nach, wer da ist!“
Signe legte die Näharbeit zur Seite, zog ihr Tuch enger um die Schultern, entzündete die Kerze in einer Laterne und öffnete die Tür der Kaminstube zum Flur. Eisige Kälte schlug ihr entgegen und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Zögerlich setzte sie einen Fuß vor den anderen. Die Bauersleute folgten ihr.
„Warte!“, flüsterte Borge, entzündete eine Fackel, die an der Wand gelehnt stand, reichte sie seiner Frau und ergriff einen Besen aus einer Ecke. Der Stiel war so lang wie er selbst. Beide duckten sich hinter Signe.
„Ich gebe dir Deckung“, verkündete der Bauer wenig überzeugend.
„Wie mutig du bist, Borge“, säuselte Brigga. „Aber bitte sei vorsichtig!“ Sie hob die Fackel in die Höhe, damit sich der Lichtschein besser verteilte.
Signe, die trotz ihrer siebzehn Jahre die Bauern um zwei Köpfe überragte, blickte sich ängstlich um.
„Jetzt geh schon!“, befahl Brigga und legte einen grimmigen Gesichtsausdruck auf.
Es klopfte zum dritten Mal, lauter und nachdrücklicher.
„Wer ist da?“, fragte Signe mit zitternder Stimme.
„Ich brauche Hilfe“, rief ein Mann. „Ich bin verletzt und suche einen Unterschlupf.“
„Lass ihn bloß nicht herein“, flüsterte die Bäuerin.
„Sagt zuerst Euren Namen!“, rief Signe.
„Mein Name ist Markgraf Arvid von Lebera“, erklang es gepresst von der anderen Seite der Tür. „Ich bin der Gesandte des Königs von Velcor, seiner Majestät Herolf von Angern. Mein Bein ist gebrochen. Bitte, habt Erbarmen. Gewährt mir Unterschlupf.“
„Eine unverschämte Lüge!“, entfuhr es Borge, ein wenig lauter, doch noch immer im Flüsterton. „Ihr wollt uns ausrauben.“
„Bitte!“, rief der Mann hinter der Tür. „Bitte! Ich sterbe in dieser Kälte. Ich verlor mein Pferd und meinen Proviant. Ich bin seit Tagen ohne Nahrung. Die Verletzung … Der Schnee ist schon knietief.“
In diesem Augenblick entschied Signe, gegen den Willen der Hausherren die Tür zu öffnen.
Eine große, über einen Stock gekrümmte Gestalt stand vor ihr, umgeben von einem Sturm aus weißen Flocken. Unwirklich glitzerte die Schneedecke, die sich seit Beginn des Schneesturms um das Bauernhaus ausgebreitet hatte.
Unter der Kapuze war nichts außer den funkelnden Augen des Mannes zu erkennen. Brigga stieß einen erstickten Schrei aus. Borge hob den Besenstiel zur Abwehr hoch. Verängstigt wich das Bauernpaar einige Schritte in den Flur zurück.
Trotz ihrer Aufregung ließ Signe den Fremden herein. Mühsam humpelte er an ihr vorbei. Er stellte den Stock, auf den er sich gestützt hatte, in die Ecke, schob die Kapuze in den Nacken und streifte den triefenden Umhang ab.
„Ich danke Euch. Von ganzem Herzen!“, seufzte der Mann erleichtert.
Sein Gesicht war gerötet, umrahmt von nassen Locken, und sein Bart war durchzogen von kleinen Eiszapfen. Er wirkte verwildert und ausgemergelt, doch seine vornehme Kleidung, so durchnässt sie auch war, und die hochwertigen Stiefel ließen eine bessere Herkunft vermuten.
Er hatte eisblaue Augen und scharfe Gesichtszüge. Selbst für Signe, die bislang nur wenige adelige Männer gesehen hatte, war der hohe Stand dieses Mannes offensichtlich.
Als er seine Handschuhe auszog, sah sie, dass er ein Holzkästchen in der Hand hielt, doch er reichte ihr bloß den Umhang, den sie über ihren Arm warf.
„Eine weitere Stunde in dieser Kälte hätte mich vielleicht das Leben gekostet“, sagte er und sein Blick blieb dankbar auf Signe haften, die errötete.
„Nun, ähm … Eure Herrschaft“, ergriff Borge zögerlich das Wort, nachdem er das Gesicht und die Kleidung des Fremden begutachtet hatte. „Wir sind die Bauern Bruck. Das ist Brigga, meine süße Frau, und ich bin Borge. Das große Kind mit den Telleraugen ist unsere Magd Signe.“
Er drängte nach vorne und versuchte, sich würdevoll vor dem Fremden aufzubauen, was ein aussichtsloses Unterfangen war, da sowohl Borge als auch seine Frau von Zwergenstatur waren und reichlich plump wirkten. Er machte eine lächerliche Verbeugung.
„Wir sind Besuch nicht gewöhnt“, sagte Borge. „Und schon gar nicht zu so später Stunde und in dieser Jahreszeit, daher … Ja, also vielleicht möchtet Ihr Euch erst einmal in der Wohnstube aufwärmen, ja? Signe, sieh dir seine Verletzung an.“
Signe knickste unwillkürlich und lief in die Küche, um Wasser und Tücher zu holen, während Brigga den Fremden unbeholfen, aber mit respektvollem Abstand in die Kaminstube führte.
Mit schmerzverzerrtem Gesicht folgte der Markgraf humpelnd den Bauern und sank dankbar in den Sessel am Fenster, in dem Signe zuvor ihre Näharbeiten verrichtet hatte.
Signe kehrte mit einer Schüssel, mehreren Tüchern und einem Kessel mit Wasser aus der Küche zurück.
„Hol unseren guten Wein“, befahl Brigga, noch bevor sie alles abgestellt hatte, und sie gehorchte. Schnell brachte sie einen Krug und Becher.
Brigga brachte einen Schemel, auf dem der Markgraf sein verletztes linkes Bein ablegte. Die Bäuerin wies ihren Mann an, einen trockenen warmen Umhang zu holen. Widerwillig verließ Borge die Stube, während Brigga dem Fremden die Stiefel auszog, was äußerst ungewöhnlich war. Normalerweise ließ sie sich nicht zu solchen niederen Tätigkeiten herab.
„Vielleicht möchtet Ihr auch Euer Hemd …?“, fragte sie scheinheilig. Signe kannte Briggas säuselnde Stimme. Auf dem Markt wandte sie immer diesen Tonfall an, um einen Kunden über den Tisch zu ziehen oder abzulenken, so dass Borge ihn bestehlen konnte.
„Bitte“, flötete sie weiter. „Ich halte gerne so lange das Kästchen.“
„Vielen Dank“, entgegnete der Markgraf. „Das wird nicht nötig sein. Im Augenblick ist eine warme Decke völlig ausreichend.“
Wie aufs Stichwort erschien auch schon Borge mit einem Umhang aus Schafsfell. Brigga goss Wein in die Becher, während Signe das aufgewärmte Wasser in die Schüssel schüttete.
„Darf ich, Eure … Majestät?“, fragte sie unsicher.
Borge lachte schäbig. Brigga hob an, die Magd zu schelten, aber der Markgraf kam ihr zuvor.
„Mit ‚Majestät‘ spricht man nur den König an. Korrekt wäre ‚Hoheit‘, ‚Durchlaucht‘ oder einfach ‚Eure Herrschaft‘. Aber sei unbesorgt, ich lege hier keinen Wert auf die genaue Einhaltung des Hofprotokolls. Sprich mich mit ‚mein Herr‘ an. Das ist vollauf genug.“
Er lächelte sie an, wie sie noch nie von einem Menschen angelächelt worden war, offen und mit ehrlicher Wärme. Seine Augen blickten direkt in sie hinein, jedenfalls kam es ihr so vor, und verschüchterten sie.
Sie lächelte zurück. Ihr Magen zog sich seltsam zusammen und sie spürte, wie ihr die Hitze in den Kopf stieg.
„Jetzt glotz nich’ wie ein Rindviech“, zischte Brigga und versetzte ihr einen Klaps. „Schau dir sein Bein an.“
Signe schlug die Augen nieder. Plötzlich kam sie sich entsetzlich unbeholfen vor. Wie sollte sie einem Mann wie diesem helfen? Sie holte einen weiteren Schemel und berührte zaghaft das Bein. Niemals zuvor hatte sie so feinen und fest gewebten Stoff gefühlt. Ihre Hand zitterte leicht. Doch die Angst wich rasch, als sie die Unebenheit auf dem Schienbein ertastete. Unwillkürlich entwich ihr ein Seufzer.
„Es ist ein Bruch, nicht wahr?“, fragte der Markgraf und Signe nickte stumm. Brigga warf ihrem Mann einen vielsagenden Blick zu.
„Edler Herr, Ihr seid in diesem Haus so lange willkommen, wie es nötig ist“, sagte Borge sofort. „Wir werden für Euch sorgen und es Euch so angenehm wie möglich machen. Sobald der Sturm vorüber ist, schicke ich Signe mit einem Brief an den König in die nächste Ortschaft. Bis man Euch abholt, werdet Ihr wunderbar in der Gästekammer unterkommen.“
Der Markgraf rang sich ein Lächeln ab.
„Ich danke euch für euer großzügiges Angebot. Doch so lange kann ich nicht warten. Wenn ihr mir die Möglichkeit gebt, einige Tage zu Kräften zu kommen, so ist dies mehr als genug. Ich werde mich ausreichend dankbar erweisen“, antwortete er.
„Sicher, sicher“, beteuerte Brigga und reichte dem Grafen den Becher mit Wein. „Wie es Euch beliebt, mein Herr. Wir sind Eure ergebenen Diener.“
Der Markgraf wirkte niedergeschlagen und bitter. Irgendwie tat er Signe leid. Brigga kniff ihr in die Schulter.
„Auf, du! Richte das Zimmer her und dann hilf unserem edlen Gast die Treppe hinauf. Los, los!“, trieb sie das Mädchen an, doch Signe zögerte.
„Werter Herr“, sagte sie und musste allen Mut zusammennehmen. Sie traute sich nicht, den Gast offen anzusehen. „Ich …“
Brigga fiel ihr zornig ins Wort. „Wagst du es etwa, du dummes Ding? Schweig! Hast du gehört? Geh und bereite die Kammer!“
„Was?“, ermutigte sie der Markgraf. „Sprich! Nur keine Scheu.“
Signe nahm ein dünnes Holzscheit vom Stapel der Anzündhölzchen für den Kamin.
„Im letzten Jahr brach sich unsere Ziege bei der Flucht vor einem Wolf ein Bein. Sie war trächtig und wir brauchten die Milch und ihr Junges. Ich konnte sie nicht so leiden sehen und dachte mir, es müsse doch möglich sein, etwas zu tun.“
Signe zerbrach das dünne Holzstück und hielt anschließend die Enden aneinander. „Wenn ich ihre Knochen so wieder zusammenbekomme und fest umwickle“, sie schnürte einen Stoffstreifen um das Holzscheit, „vielleicht hat sie dann weniger Schmerzen, dachte ich mir.“
„Lass mich raten“, sagte der Markgraf. „Die Ziege und ihr Junges hüpfen nun gemeinsam durch die Welt?“
Signe nickte, etwas unsicher, ob er sich über sie lustig machte.
„Ja“, bestätigte sie. „Und zwar schon am nächsten Tag.“
Der Mann atmete laut aus. Seine Augen verengten sich und er sah Signe skeptisch an.
„Es ist durchaus möglich, Knochen wieder zusammenzusetzen. Meist bedarf es eines geschickten Heilers, dies zu tun. In der Zeit der Aufstände hat der ein oder andere Krieger selbst Hand angelegt. Sowohl bei sich, meist mit wenig Erfolg aufgrund des unsagbaren Schmerzes, als auch bei seinen Mitstreitern. Eines aber haben alle Fälle gemeinsam: Die Heilung dauert lange und es bedarf der Ruhe. Eine Gesundung über Nacht ist unmöglich.“
Signe spürte Kälte und Misstrauen. Er setzte sie offenbar mit den Bauern gleich und dachte, sie lüge, um sich irgendeinen Vorteil zu verschaffen. Schon bereute sie es, die Geschichte erzählt zu haben.
„Es … Es tut mir leid“, stotterte sie.
Brigga stemmte selbstgefällig die Hände in die Hüften.
„Siehst du, du Kalb? Ich habe dich gewarnt. Aber wie immer hörst du nicht. Jetzt beweg dich und tu deine Arbeit.“
„Ward ihr Zeugen dieser Spontanheilung?“, fragte der Markgraf unerwartet. Brigga geriet sichtlich aus der Fassung.
„Nun, ähm … ja, schon. Ich meine, ich weiß natürlich nicht, ob das Bein der Ziege wirklich gebrochen war. Woher soll ich das auch wissen? Ich bin ja bloß eine einfache Frau. Borge, wir wissen doch nicht, ob das Bein gebrochen war, oder?“
Ihr Gatte leerte den dritten Becher Wein und seine Augen waren klein und gerötet. Erst als Brigga ihn anstupste, reagierte er.
„Was? Ach, die Ziege …“, lallte er. „Ich fand schon, dass das Bein gebrochen aussah. Eigentlich wollte ich dem meckernden Vieh ja die Kehle durchschneiden, hehe, aber unser großes … Mädchen hier, Tschuliung, die junge Dame hier … sprang einfach dazwischen.“
„Borge!“, fauchte Brigga.
„Ja, also, edler Herr, ich seh schon, die Frauen haben Euch im Griff, ich mein’, alles im Griff. Ich, ja, ich gehe jetzt besser.“ Er wandte sich schwankend zur Zimmertür, aber dann fiel er an Ort und Stelle einfach nach vorne um.
Brigga verdrehte die Augen, stupste ihren Mann mit einem Fuß an, aber er rührte sich nicht. Sie schüttete den Rest Wein aus dem Krug in sein Gesicht. Doch auch darauf blieb eine Reaktion aus. Sie kniete sich neben ihn.
„Borge? Borge!“
Zu dem Gast gewandt, erklärte sie: „Werter Herr, Ihr müsst verzeihen, mein Mann scheint, na ja, also er verträgt offensichtlich keinen Wein. Er trinkt sonst nur Wasser. Borge, jetzt komm schon, wir haben einen Gast!“
Doch ihr Mann blieb regungslos liegen. Auch nach einem Glas Wasser ins Gesicht und mehreren nicht allzu sanften Backpfeifen wachte Borge nicht auf.
Peinlich berührt ließ sich die Hausherrin schließlich herab, ihren Mann mit Signes Hilfe ins Bett zu bringen. Das Mädchen wusste, dass Brigga es auch ohne Hilfe geschafft hätte, denn ihr Mann war sehr dünn und die Bäuerin das glatte Gegenteil. Sie besaß eine Menge Kraft, was Signe in jüngeren Jahren häufig zu spüren bekommen hatte. Erst nachdem sie mit vierzehn Jahren deutlich größer als die Bauersfrau geworden war, hatte Brigga aufgehört, sie zu züchtigen. Trotzdem hatte Signe noch immer die größte Angst vor ihrer Hand.
„Dass du mir ja nicht mehr von der Ziege anfängst“, sagte Brigga, nachdem sie Borge auf dem Bett ihrer Kammer abgelegt hatten. „Das alles ist unsagbar unangenehm. Ich bleibe deshalb hier. Es ist peinlich genug, was eben passiert ist. Entschuldige mich bei dem feinen Herrn, klar? Bereite seine Kammer vor und hilf ihm, aber halt dein dummes Mundwerk, verstanden?“
Signe stimmte wortlos zu. Auch ohne Briggas Worte fühlte sie sich töricht. Wieso hatte sie bloß von der Ziege erzählt? Der adelige Mann war so freundlich gewesen und sie hatte alles zunichtegemacht. Aus ihrem Mund würde kein überflüssiges Wort mehr entweichen.

Sie kehrte in die Stube zurück. Der Markgraf hatte den Kopf in den Nacken gelegt und hielt die Augen geschlossen. Seine Hände ruhten auf dem Holzkästchen im Schoß.
„Ich gehe davon aus, dass die Dame des Hauses sich zurückgezogen hat?“ Er rührte sich nicht in seiner entspannten Haltung.
„Ja, Eure Herrschaft“, antwortete Signe und nutzte die Gelegenheit, um den Mann erneut zu mustern.
Ihr Herzschlag beschleunigte sich, weil es ihr verboten vorkam, so unverhohlen zu starren. Aber gegen die Bauerntrampel, die ihr in Dorfbergen begegneten, erschien ihr dieser Mensch wie ein Ebenbild des Vel, auch wenn sie bloß eine einzige Statue des Gottes vom Brunnen auf dem Marktplatz kannte. Genau so aber stellte sie sich Vel vor.
„Ich wollte fragen, ob ich Euch noch etwas bringen soll, bevor ich die Kammer herrichte“, sagte sie, um die peinliche Stille zu durchbrechen.
„Ich nehme an, das Zimmer befindet sich im ersten Stock?“
„Ja, Eure Herrschaft.“
„Komm her und setz dich.“
Er öffnete die Augen. Sofort senkte Signe ihren Blick. Dabei wünschte sie sich nichts sehnlicher, als wieder diese Wärme und Offenheit in seiner Miene zu sehen, mit der er sie vorher angelächelt hatte.
„Ich würde lieber Eure Kammer vorbereiten, mein Herr.“
„Komm, setz dich“, wiederholte er bestimmter, während er sich in dem Sessel aufrichtete und sich ihr zuwandte. „Ich habe einige Fragen. Und ich werde zumindest diese Nacht hier in diesem Sessel verbringen, da ich nicht die Kraft und den Wunsch habe, mich die steilen Stufen hinaufzuquälen.“
Signe wusste nicht, was sie tun sollte. Die Hausherrin wünschte den Gast in der Kammer und würde wütend werden, wenn sie ihn am Morgen in der Stube vorfände.
„Lasst mich Euch zumindest ein wenig Essen bringen, etwas Brot vielleicht“, bot sie an, um sich Zeit zu verschaffen, doch der Markgraf insistierte.
„Später. Nun komm her, bevor ich zu müde bin. Ich werde die Bauern schon zu besänftigen wissen, wenn sie sich morgen früh fragen, was ich hier in der Stube mache. Hab keine Angst“, sagte er mit einem Ausdruck in der Stimme, den Signe so nicht kannte: gelassen, ausdrucksstark und voller Selbstsicherheit.
Er besaß eine feine Aussprache und beherrschte das vollendete Corai, die Landessprache von Velcor. Sie selbst sprach den Dialekt des Fürstentums von Silbergen, aber sie mochte den sauberen Klang seiner Rede. Das war aber nicht alles. Seine Art, mit ihr zu sprechen, ließ sie sich anders fühlen als bisher in ihrem Leben. Etwas daran gab ihr ein gutes Gefühl und deshalb nahm sie schließlich doch auf dem Schemel neben ihm Platz.

Arvid hatte massive Schmerzen, doch er war geübt darin, seine Gefühle zu verbergen. In dem aufgewärmten Raum begann sein Schienbein zu pochen und er spürte, wie es anschwoll. Trotzdem wollte er sich nicht in ein Bett legen, ganz gleich ob warm oder kalt. Er durfte dem Schmerz keinesfalls nachgeben, sonst brächte er kaum noch den Willen auf, bald nach Lichtersee zurückzukehren.
Außerdem musste er sich eine Meinung über die Magd bilden. Unter Umständen war sie genauso durchtrieben wie die Herrschaften des Hauses, denen er keinen Fingerbreit über den Weg traute, doch ihre Erzählung von der Ziege war ein Hoffnungsschimmer. Es bestand die Möglichkeit, auch wenn er sie als gering einschätzte, dass sie eine Begabung für die Heilkunst besaß und zumindest den Knochen richten konnte, sodass er nicht falsch zusammenwuchs.
Bis er einen Heiler der Gilde fände, wäre sein Bein mit Sicherheit verkrüppelt. Niemals würde er es ohne bleibenden Schaden bis in den nächsten Ort und von dort in die nächste Stadt schaffen, welche seinen Karten zufolge Lüyen war, die Hauptstadt des Fürstentums von Silbergen.
Er betrachtete das Mädchen. Sie war eine ungewöhnliche Erscheinung für diese Gegend: auffallend groß und trotz der vermutlich schweren Arbeit auf dem Bauernhof gerade gewachsen und kräftig. Sie schien schüchtern oder verlegen zu sein, da sie ihn kaum ansehen konnte, was er schade fand, denn sie hatte klare, braune Augen mit dichten Wimpern und rotblondes Haar, das im Nacken ziemlich dunkel war. Vereinzelte Strähnen fielen ihr trotz eines festen Knotens ins Gesicht und unbewusst strich sie diese immer wieder beharrlich hinter ihr Ohr.
„Wie lange bist du schon bei den Bauern im Dienst?“
„Seit ich geboren wurde, mein Herr“, antwortete Signe.
„Das heißt, du bist hier in dieser Einöde aufgewachsen.“ Es war ihm unmöglich, das Bedauern darüber in seiner Stimme zu verbergen. „Du sprichst recht anständig. Wie sieht es mit Lesen und Schreiben aus?“
„Ich lernte beides von der Bäuerin. Die Herrin erlaubte mir, mit den wenigen Schriften, die es in diesem Hause gibt, lesen und schreiben zu üben. So lernte ich zugleich etwas über Tiere, Wald und Bergpflanzen und die Dualis, aber es ist nicht viel“, antwortete Signe und es klang ein wenig traurig. Das Lesen hatte sie offenbar begeistert. „Auch rechnen kann ich passabel.“
Er nahm den Becher mit Wein, den er bislang noch nicht angerührt hatte, um zu trinken, doch Signe hielt ihn ab.
„Nicht!“, sagte sie leise. „Ich bringe Euch einen anderen.“ Sie sprang auf.
„Da ist Schlafkraut beigemengt“, schlussfolgerte er. Das passte zu den Bauern. Das Mädchen nickte.
Er wollte sie nicht gehen lassen. „Du kannst den Wein später holen, zusammen mit etwas Brot. Ich möchte zuerst einiges von dir wissen.“
Er stellte den Becher auf dem Tischchen ab, auf dem noch immer Signes Näharbeiten lagen. Sie nahm die Kleider hastig zur Seite, um Platz zu schaffen, und legte sie in einen Korb. Dann setzte sie sich wieder.
Ihre Scheu war ein Stück weit gewichen und er konnte in ihrem Gesicht erkennen, dass ihr seine Neugier an ihrer Person nicht geheuer war.
„Hast du in diesen Schriften etwas über die Kunst des Heilens gelesen? Über die Verwendung von Kräutern zur schnelleren Genesung, die Stärkung des Körpers oder Ähnliches?“
Signe schüttelte bedächtig den Kopf.
„Ich lernte ein wenig von der Bäuerin. Sie mag es, wenn ihr Mann sie nachts in Ruhe lässt. Also mengt sie grundsätzlich abends seinen Getränken Schlafkraut bei. Im nächsten Dorf gibt es außerdem eine Frau, zu der die Herrschaften schon mal gehen. Einfach auf Besuch oder wenn sie etwas plagt. Man sagt, sie sei eine Morphia.“ Sie senkte geheimnisvoll die Stimme. „So nennt man Menschen, die Ahnung von Magie haben.“
„Ich hörte davon“, entgegnete er schmunzelnd, war aber hellhörig geworden. Sollte ihn dieses Mädchen tatsächlich zu einer noch lebenden Morphia führen können? Es wäre ein Wunder. „Aber erzähl bitte weiter“, bat er sie.
„Bei ihr gibt es viel Seltsames auf den Tischen und in den Regalen. Und es riecht unangenehm. Zweimal durfte ich mitgehen und zusehen, wie sie Kräuter mischte und dem Herrn einen Beutel zum Auflegen in den Nacken gegen seinen Kopfschmerz gab. Ich merkte mir die Kräuter. Davon wissen die Herrschaften aber nichts. Bei den Tieren beobachtete ich, welche Weiden sie mögen. Dort fand ich eine Blume, die genauso riecht wie die Milch der Kuh, wenn sie dort gegrast hatte. Ich pflückte sie und machte mir davon einen Tee, als ich einmal Bauchschmerzen hatte. Er half vorzüglich. Ich weiß noch ein bisschen mehr, doch nur weil ich es ausprobiert habe oder mir der Zufall half. Wollt Ihr alles genau wissen?“
Arvid bemerkte, dass Signe es nicht gewohnt war, lange zu reden. Oder sie kannte es nicht, dass man ihr zuhörte. Jedenfalls war sie nervös geworden.
„Nein, ich danke dir“, sagte Arvid. „Ich wollte bloß etwas überprüfen. Im nächsten Dorf lebt also eine Morphia, sagst du. Wie ist ihr Name?“
„Lebte“, erwiderte Signe kleinlaut. „Entschuldigung, das habe ich falsch erzählt. Sie ist tot.“
Arvid war solche Enttäuschungen bereits gewohnt, so dass ihn dies kaum noch überraschte.
„Wie starb sie? Eines natürlichen oder eines gewaltsamen Todes?“
„Man fand sie erdrosselt in ihrer Unterkunft, mit einem Zettel, auf dem stand: ‚Betrügerin‘. Es war die gleiche Nacht, in der zwei Männer aus dem Dorf verschwanden. Obwohl es sehr ehrenwerte Männer waren. Einen kannte ich sogar. Er war netter zu mir als die anderen. Gab mir nicht immer so unangenehme Namen, sondern nannte mich Signe. – Nun ja, trotzdem sagte der Meister des Ortes, dass es diese beiden Männer gewesen sein mussten, die sie ermordet hatten, und dass sie dann geflohen sind.“
Arvid schloss die Augen und strich gedankenverloren über den Holzdeckel des Kästchens. Er war bis in das unwegsamste Gebirge Velcors gereist, nur um jemanden zu suchen, der Magie beherrschte, einen Morpheo oder eine Morphia, doch gefunden hatte er bloß eine Leiche und eine rätselhafte Prophezeiung, in Blut geschrieben.
Das Stoffstück mit dem merkwürdigen Satz lag gefaltet in einem Lederbeutel, den er sorgsam unter seiner Kleidung versteckt am Körper trug. Das Säckchen enthielt auch Silber und Wertbriefe des Königs, dafür gedacht, eine magiekundige Person gegebenenfalls reichlich zu entlohnen. Doch all das war nutzlos, wenn es schlichtweg niemanden gab, der Magie beherrschte. Bislang waren alle, die noch lebten und behauptet hatten, Morphe zu sein, Scharlatane gewesen. Vermutlich waren alle wahren magiekundigen Personen tot.
Das Einzige, was ihm in diesem Augenblick blieb, war die Hoffnung, dass diese einfache Magd geschickte Hände hatte und die Folgen seines Sturzes mildern konnte.
Auch wenn er zuvor in Erwägung gezogen hatte, dass das Mädchen tatsächlich über magische Talente verfügen könnte, so hegte er jetzt doch starke Zweifel daran. Ihre mangelhafte Ausbildung und ihre Einfachheit machten es unwahrscheinlich, selbst wenn sie die Gabe der Heilung besitzen sollte.
„Ich will, dass du mein Schienbein richtest, so wie du den Knochen bei der Ziege gerichtet hast.“
Signe wurde rot.
„Es tut mir so furchtbar leid, Euch damit belästigt zu haben. Natürlich müsst Ihr mich für eine Schwindlerin halten. Bitte vergesst die Geschichte. Ich möchte nicht wieder so von Euch angesehen werden wie vorhin. Das war schlimm. Bitte verzeiht mir.“
„Beruhige dich.“ Ihre Unsicherheit rührte ihn. Erst jetzt fühlte er sich darin bestätigt, dass das Mädchen tatsächlich völlig anders war als die Bauern, für die es arbeitete.
„Ich neige dazu, dir zu glauben. Auch wenn ich deinen Herrschaften kein allzu großes Vertrauen entgegenbringe, so konnten sie doch nicht überzeugend abstreiten, dass es mit der Ziege genau so gewesen ist, wie du es beschrieben hast. Ich möchte, dass du jetzt allen Mut zusammennimmst und genau dasselbe bei mir machst.“
Signe sprang erschrocken auf. Ihre Mimik verriet große Besorgnis.
„Es tut ungeheuer weh, mein Herr“, sagte sie leise und wich einen Schritt zurück.
„Ich weiß, aber ich habe keine Wahl“, antwortete Arvid. „Mich quälen schon eine ganze Weile starke Schmerzen. Und wenn der Knochen nicht gerichtet wird, wächst er falsch zusammen. Dann werde ich ein Krüppel bleiben. Aber ich habe eine Aufgabe zu erledigen. Das kann ich nicht, wenn ich nicht mehr richtig laufen und reiten kann. Bitte, Signe! Du musst es versuchen.“
Seine Worte hinterließen Eindruck bei ihr. Unschlüssig ging sie wieder auf ihn zu.
„Ihr seid so nett zu mir und … Ich will Euch das nicht antun. Außerdem, vielleicht ist es morgen dann doch nicht wieder gut oder …“
Arvid nahm ihre Hände und hielt sie fest zwischen den seinen. Sie waren weich und warm und voller Leben.
„Sieh mich an“, befahl er sanft, und Signe tat wie geheißen. Ihr direkter, unschuldiger Blick beseitigte jeden weiteren Zweifel in ihm. „Ich vertraue dir. Du kannst diesen Kochen richten. Ich weiß es. Gib mir ein Stück Holz von dort, sodass ich draufbeißen kann. Dann tust du genau das, was du bei der Ziege getan hast!“
Ihre Augen füllten sich mit Tränen, aber sie sagte nichts mehr, sondern nahm ein dünnes Holzscheit und reichte es ihm. Achtsam zerriss sie den Stoff der Hose und legte das Bein mit seiner unübersehbaren Verformung frei. Es gab keine offene Wunde, nur zwei sich unter dem Gewebe abzeichnende verschobene Knochenfragmente.
Sie sah ihn an. Die Tränen rannen über ihre Wangen und er nickte ihr so aufmunternd wie möglich zu, während er zugleich fest auf das Holz biss und seine Hände in die Lehne des Sessels krallte. Sanft tastete sie sich seinen Unterschenkel entlang, bis ihre Hände die richtige Position gefunden hatten. Dann hielt sie inne und senkte den Kopf. Ihr Atem ging schneller und sie murmelte etwas undeutlich vor sich hin, als ob sie sich selbst Mut zusprechen müsse.
In Erwartung der ausstehenden Handlung schien eine Ewigkeit zu vergehen. Gerade als sich bei Arvid leise Zweifel meldeten, ob seine Entscheidung, diesem unbekannten jungen Ding zu vertrauen, klug gewesen war, schob sie die Knochen mit ihrer ganzen Kraft zusammen.
Es knackte.
Ein unbeschreiblicher Schmerz durchfuhr seinen gesamten Körper und er brüllte mit zusammengebissenen Zähnen wie ein Bär. Jetzt stiegen auch Tränen in seine Augen. So heftig war das Gefühl, dass es eine geraume Zeit lang wie eine Flut jede Faser seines Körpers durchdrang.
Heftig atmend verharrte er aufgebäumt und wie erstarrt in dem Sessel. Die Knöchel seiner Hände waren weiß und jede Sehne stand unter Spannung. Nach einer weiteren gefühlten Ewigkeit ebbte der Schmerz langsam ab.
Signes sanfte Hände lagen genau dort, wo der Bruch war. Sie schienen heilsame Wärme auszustrahlen. Nach wie vor weinte sie lautlos. Als sie sich schließlich aufrichtete, sah er, wie bleich sie war. Er rang sich ein Lächeln ab, das sie schweren Herzens erwiderte.
Als der Schmerz sich nach und nach nur noch auf die Stelle des Knochenbruchs konzentrierte, nahm sie ihre Hände weg und schüttelte sie aus. Es war eine seltsame Geste, die augenscheinlich vollkommen unbewusst geschah.
Sie blickte sich suchend im Raum um. Dann nahm sie den Besenstiel, den der Bauer zuvor für die vermeintliche Verteidigung zur Hand genommen und später mit in die Stube gebracht hatte, und versuchte, ihn in der Mitte durchzubrechen. Sie bemühte sich mehrmals, ihn über dem Knie zu zerteilen, doch sie war zu schwach.
Gerade wollte Arvid ihr einen Rat erteilen, als sie selbst den Stiel auf den Stuhl legte und mit einem Tritt das Holz an der Stuhlkante entzweite. Mit einigen Stoffstreifen und den beiden Holzstielen fixierte sie sein Bein, sodass er es erst einmal nicht bewegen konnte. Dann schob sie noch ein dickes Kissen darunter, um es bequemer für ihn zu machen.
Arvid griff nach dem Weinbecher und leerte ihn in einem Zug. Ein wenig Schlafkraut war jetzt genau das Richtige und würde ihm helfen, die Nacht in dem Sessel einigermaßen zu überstehen.
„Ich danke dir“, sagte Arvid. „Dein mutiger Einsatz hat mir heute schon zum zweiten Mal geholfen und ich stehe in deiner Schuld. Bitte überlege dir, was ich für dich tun kann, um dein selbstloses Handeln zu vergüten. Sofern es in meiner Macht steht, werde ich dir den Wunsch erfüllen.“
Signe senkte den Kopf.
„Ich …“ Sie kaute verlegen auf ihrer Lippe. „Ich weiß nicht recht. Ich habe doch bloß getan, um was Ihr mich gebeten habt. Kann ich noch etwas für Euch tun? Braucht Ihr ein weiteres Kissen?“
„Nein“, erwiderte Arvid, der bereits schläfrig wurde. Das Schlafkraut war äußerst wirkungsvoll. „Dennoch. Überlege dir, ob es etwas gibt, was ich für dich tun kann. Und jetzt geh schlafen.“
Signe macht einen Knicks und verließ den Raum.

Fröstelnd stand sie im kalten Flur. Ein Schauer nach dem anderen rann über ihren Rücken und sie war so wach wie selten in ihrem Leben. Auf dem Weg in ihre Kammer ein Stockwerk höher überschlugen sich ihre Gedanken. Immer wieder hörte sie ihn sagen, er würde ihr gerne einen Wunsch erfüllen. Und immer wieder wünschte sie sich, sie hätte den Mut gehabt, ihm zu sagen, dass sie gerne mit ihm gehen würde. Dass sie kochen, waschen und putzen konnte, ja sogar Pferde striegeln und satteln. Dass sie bis an ihr Lebensende seine Dienerin sein wollte, wenn er sie nur aus der Knechtschaft dieser Bauern befreite. Doch sie wusste, dass die Brucks sie nicht einfach so gehen lassen würden. Sie würden von ihm verlangen, sie freizukaufen, und das konnte sie nicht von ihm erwarten.
Es war eiskalt in ihrer Kammer und sie beschloss, ihre Kleidung anzubehalten. Bibbernd und zugleich geistig überhitzt zog sie die Decke bis zur Nasenspitze und wartete darauf, dass ihr Herz aufhörte, wie wild zu schlagen. In ihrer Fantasie sah sie vor sich, wie sie mit dem Grafen in die strahlende Hauptstadt Lichtersee reiste und von da an für immer bei ihm sein würde.
Irgendwo zwischen Wachen und Schlafen hörte sie die Bauern aus ihrer Kammer schleichen. Sie ahnte, dass sie versuchen würden, an das geheimnisvolle Kästchen zu kommen, das der Markgraf mitgebracht hatte.
Ihr Fluchen, als sie den Gast nicht in der Gästekammer vorfanden, und ihre Rückkehr aus der Stube hörte Signe nicht mehr. Der Schlaf übermannte sie und die Fantasiebilder wanderten mit in ihre Träume.
Umso unangenehmer war der gellende Schrei der Bäuerin, durch den Signe geweckt wurde. Sie war sofort hellwach. Wie immer um diese Zeit war es draußen noch dunkel.
Es war untypisch für Signe, so lange zu schlafen. Normalerweise stand sie weit vor den Herrschaften auf. Die Ereignisse der vergangenen Nacht kamen ihr ins Bewusstsein und sie lächelte.
Brigga rief durchdringend ihren Namen und Signe sprang aus dem Bett. Auf Socken rannte sie über den Flur zur Kammer der Herrschaften und klopfte.
„Komm rein, schnell!“, zischte die Bäuerin. „Borge, lauf und schau endlich nach!“, herrschte sie ihren Mann an, der sich an Signe vorbeiquetschte, nicht ohne ihr dabei kurz in den Hintern zu kneifen. Signe machte einen Satz ins Zimmer und blickte verschämt auf den Boden.
„Hierher, du dummes Ding!“, rief Brigga und Signe lief zum Bett. Ihr entfuhr ein Schrei, als die Bäuerin ihre linke Hand unter der Bettdecke hervorzog. Der kleine Finger war pechschwarz und stank bestialisch.
„Schnell, hol die gestampfte Kamille und Salbei und mache einen Wickel. Und dass du mir ja nichts dem Grafen gegenüber erwähnst! Am besten du gehst gar nicht in die Stube. Warum hast du ihn nicht in die Kammer gebracht wie befohlen?“
Brigga war so wütend, dass Signe aus Angst vor Schlägen einen Schritt vom Bett zurückwich. Sie knickste schnell und lief in die Küche, um aus der Vorratskammer den Topf mit den eingelegten Kräutern und einige Tücher zu holen.
Als sie zur Bäuerin zurückkehrte, war auch Borge wieder dort und machte ein betroffenes Gesicht. Die Unterhaltung der Eheleute verstummte, doch Signe war sich sicher, dass es um den nächtlichen versuchten Diebstahl des Kästchens gegangen war.
Während Signe einen Streifen Leinen in den Kräutersud tauchte und dann um Briggas Finger wickelte, sprach Borge Signe in einem sehr entschiedenen Tonfall an, was untypisch für ihn war.
„Hör genau zu! Du kümmerst dich weiter um meine geliebte Frau und ich gehe hinunter zum Grafen, um mit ihm zu sprechen. Wir sind der Meinung, dass er nicht bei uns bleiben kann, denn wir können ihn nicht angemessen versorgen. Ich bringe ihn mit dem Karren nach Dorfbergen. Von dort wird er sicher schon irgendwie weiterkommen.“
Brigga verdrehte genervt die Augen über Borges plötzlichen Versuch, sich als Hausherr aufzuspielen, aber ihre Schmerzen waren zu heftig, um ihrem Mann in die Parade zu fahren.
Der Bauer hingegen machte ein äußerst zufriedenes Gesicht, als hätte er zum ersten Mal im Leben einen eigenen Entschluss gefasst und könne es selbst kaum glauben. Er drehte sich um und verließ mit stolzgeschwellter Brust den Raum.
Signe war unsicher, wie sie sich verhalten sollte. Gleich nach dem Aufwachen hatte sie eine Entscheidung gefällt: Sie wollte dem Grafen unbedingt sagen, dass er sie mitnehmen solle, egal wohin.
Aber was wäre, wenn der Markgraf ihr den Wunsch, mit ihm zu gehen, abschlagen würde? An die darauf folgende Zeit in dem Bauernhaus wollte sie nicht einmal denken.
„Soll ich dem Grafen noch eine Mahlzeit bereiten?“, fragte sie schließlich.
„Selbstverständlich, du Gans“, sagte Brigga. „Sobald du hier fertig bist. Danach bringst du mir das Frühstück, verstanden? Ich kann mich so bei unserem hohen Besuch auf keinen Fall blicken lassen.“
Dies war bloß eine Ausrede, dessen war sich Signe bewusst. Denn was auch immer sich in dem Kästchen befunden hatte, offensichtlich war etwas damit nicht in Ordnung, sonst wären die Herrschaften nicht so aufgewühlt gewesen. Üblicherweise waren sie nach einem gelungenen Diebstahl äußerst selbstzufrieden und gönnerhaft.
Das eigenartige Verhalten der Bäuerin und auch die seltsame Verletzung an ihrem kleinen Finger deuteten darauf hin, dass etwas schiefgegangen sein musste, auch wenn Signe beim besten Willen nicht wusste, was.

Arvid war bereits eine Weile wach, als es an der Tür klopfte. In der Hoffnung, es sei das Mädchen, setzte er sich etwas aufrechter hin. Seinen Fuß konnte er schon schmerzfrei bewegen, das Bein lag aber trotzdem noch auf dem Hocker.
Er wollte warten, bis Signe kam, um aufzustehen. Sein Lächeln gefror, als er den Bauern erkannte, der sich ungelenk verbeugte.
„Mein Herr hat hoffentlich wohl geruht?“, fragte Borge.
„Den Umständen entsprechend. Eure Magd hat mich untadelig versorgt“, antwortete Arvid.
„Das ist fein. Ähm, sie wird Euch in Kürze Euer Essen bringen“, versicherte Borge ihm und konnte den Blick nicht von dem Kästchen lassen, das Arvid weiter auf dem Schoß hielt. Dabei sank der Bauer, völlig vom Mut verlassen, in sich zusammen.
Arvid ahnte, warum das so war. Vermutlich war Borge unsicher geworden, ob der Markgraf das Kästchen kontrolliert hatte. Dass sich der Inhalt brav an seinem Platz befand, konnte der Bauer Bruck natürlich nicht wissen und auch nicht, warum es sich so verhielt.
„Ich hörte die Herrin des Hauses schreien“, sagte Arvid mit gespielter Besorgnis. „Ist alles in Ordnung?“ Er konnte die Freude, die es ihm bereitete, den Bauern eine Lektion zu erteilen, kaum verbergen.
„Ja, ja. Es ist nichts“, entgegnete Borge ausweichend. „Ich, ähm …“
„Bitte, sprich frei“, sagte Arvid, wohl wissend, was kommen würde.
„Nun, meine Gattin und ich, wir dachten uns, es sei vielleicht doch besser für Euch und Eure Gesundheit, wenn wir Euch in den nächsten Ort bringen. Das ist Dorfbergen. Dort leben einige hundert Seelen, es gibt auch eine ordentliche Herberge und anderes für Euer Wohl. Es ist nämlich so: Wir haben einen Esel und einen Karren. Ich könnte Euch, bevor die Sonne wieder sinkt, dort hingebracht haben, falls es Euch beliebt.“
Die Worte waren stockend gesprochen und Arvid kannte den Grund nur zu gut. Den Mann plagte ein schlechtes Gewissen.
„Natürlich steht es Euch auch frei, noch einige Nächte zu bleiben, falls Ihr Euch noch zu schwach fühlt“, fügte Borge hinzu.
Arvid ließ den Mann ein wenig zappeln, bevor er ihm antwortete.
„Ich danke für das großzügige Angebot“, sagte Arvid schließlich, doch nicht mehr. Irritiert stand Borge im Raum und blickte ihn ratlos an.
„Ist noch etwas?“, fragte Arvid.
„Nein, nein“, entgegnete Borge hastig. Seine Augen wanderten unruhig zwischen der Tür und seinem Gast hin und her.
„Dann schickt doch bitte die Magd mit dem Frühstück.“
Borge verbeugte sich und flüchtete aus dem Raum.
Kurz darauf kam Signe mit einem Holztablett, auf dem sich ein Laib Brot, etwas Fleisch, Käse, Eier, Obst und ein Becher mit Milch befanden.
„Wie geht es Euch? Wie habt Ihr geschlafen?“, fragte sie ehrlich besorgt und stellte das Tablett ab, um sich das Bein anzusehen.
„Sehr gut, dank deiner Hilfe. Ich habe auf dich gewartet, bevor ich aufstehe. Ich fühle kaum Schmerzen und sieh, ich kann den Fuß bewegen.“
„Oh, wunderbar“, rief Signe begeistert. „Wartet.“
Sie lief in den Flur und holte den Stock, mit dem er am Abend zuvor angekommen war. Arvid nahm ihn dankbar als Stütze. Er drückte sich mit den Armen hoch und stand unsicher auf dem rechten Bein. Langsam und vorsichtig trat er mit dem linken Fuß auf.
Irgendetwas in ihm hoffte inständig, dass das Mädchen mehr als nur ein Talent zur Heilerin besaß, dass sie eine unerkannte Morphia war, die seine Verletzung über Nacht hatte heilen können. Doch der stechende Schmerz, der ihn bei der ersten Belastung durchfuhr, vernichtete die Hoffnung umgehend. Enttäuscht ließ er sich wieder in den Sessel fallen.
„Es tut mir so leid“, sagte Signe betroffen. „Ich habe so gehofft … Es war mein Fehler … Ich …“
„Bitte sei still!“, fuhr Arvid sie bitter an. Er brauchte einen Augenblick, um den Ärger, vor allem über sich selbst, zu verarbeiten.
Signe erschrak über den harschen Tonfall und wich einen Schritt zurück. Ihr kamen die Tränen.
„Es tut mir so leid“, schluchzte sie und stürzte aus dem Zimmer.
Arvid bereute sogleich seine scharfen Worte. Schließlich hatte sie ihm bloß helfen wollen.
„Signe, warte!“, rief er ihr nach, doch das Mädchen kam nicht zurück.
Borge, der sich inzwischen mit seine Frau beraten hatte, trat ein und blickte der vorbeistürmenden Magd mit gerunzelter Stirn hinterher.
„Alles äußerst seltsam heute“, murmelte er. Dann wandte er sich Arvid zu: „Bitte verzeiht, dass ich Euch nochmals belästigen muss, aber wie habt Ihr Euch entschieden?“
„In Bezug auf was?“, fragte Arvid.
„Na ja, in Bezug auf … was Ihr machen wollt eben. Wollt Ihr noch hier verweilen oder soll ich Euch nach Dorfbergen bringen?“
Arvid beschloss, seinen Ärger nun an demjenigen auszulassen, der es auch verdiente.
„Ich werde das Angebot, mir einen Esel und einen daran hängenden Karren zur Verfügung zu stellen, annehmen. Auf deine Gesellschaft hingegen kann ich allerdings verzichten. Ich werde die Magd mitnehmen.“
„Oh, natürlich, das ist in Ordnung“, sagte Borge ahnungslos. „Sie kann ja gleich einige Besorgungen im Ort machen. Ja, sehr gut.“
„Darauf würde ich an deiner Stelle nicht wetten. Ich hoffe, dass sie so viel Verstand hat, nicht mehr hierher zurückzukehren.“
„Wie meint Ihr das?“, fragte Borge. Es brauchte eine Weile, bis die Bedeutung der Worte vollständig bei ihm ankam, doch dann wurde er wütend.
„Ihr könnt uns doch nicht einfach unsere lebensnotwendige Magd abspenstig machen. Wir leben hier in großer Abgeschiedenheit. Wir brauchen eine verlässliche Hilfe. Wenn Ihr sie mitnehmen wollt, so wird Euch das eine hübsche Summe kosten.“
Bei so viel Dreistigkeit überkam Arvid Übelkeit. Er stemmte sich aus dem Sessel und humpelte auf den Stock gestützt zu dem kleinen Bauern, bis er über ihm stand. Langsam beugte er sich zu ihm hinab.
„Du wirst mir jetzt ganz genau zuhören“, zischte Arvid erbost. „Ich kenne die Geschichte nicht, wie das Mädchen zu euch kam und warum, doch eines ist sicher: In eurer Gesellschaft verderben die reinsten Blüten. Du und deine Frau, ihr habt versucht, mich zu betäuben und zu bestehlen. Ihr beleidigt meine Intelligenz und meinen Stand, indem ihr mir großzügig eine Fahrt ins nächste Dorf anbietet und hofft, so ungeschoren davonzukommen! Ich bin Markgraf Arvid von Lebera, erster Gesandter des Königs Herolf von Angern, dem Sohn von Ansgar von Angern, dem großen Einiger von Velcor und den neun Fürstentümern. Und ihr habt mich in Ausübung eines königlichen Auftrages behindert, euch an königlichem Eigentum vergriffen und euch mit Sicherheit in eurem bisherigen Leben auch sonst noch auf zahlreiche andere Weise schuldig gemacht. Schon auf die ersten beiden Taten steht eine schwerere Strafe als nur ein abgefaulter Finger. Der König selbst wird nicht zögern, Soldaten hier in diese Einöde zu schicken und euch umgehend zu richten, wenn er davon erfährt. Ich bin mir also sicher, wenn du dies alles deiner Gattin berichtest, so wird auch sie einsehen, dass ein Esel, ein Karren, das Mädchen und eine ordentliche Aussteuer für sie ein angemessener Preis für eure Sicherheit ist. Ich denke, wir sind uns einig. Nicken genügt.“
Was Borge umgehen mehrfach hektisch tat.
„Sage der Magd, sie soll alles vorbereiten, und vergiss die Aussteuer nicht. Und, ach …“ Arvid spuckte die Worte so verächtlich wie möglich aus: „Du bist entlassen!“
Als der Bauer verschwunden war, ließ er sich wieder in den Sessel fallen. Eine gewisse Genugtuung erfüllte ihn und immerhin bekam er Appetit. Dankbar machte er sich über die Speisen her, die Signe zuvor gebracht hatte.

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