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Dreiland I – 3. Aufbruch

Es klopfte an Signes Zimmertür und sie trocknete hastig die Tränen. Ihr Brustkorb fühlte sich wie zugeschnürt an, aber so war es ihr schon oft ergangen. Sie wusste, mit der Zeit würde der Kummer nachlassen.
Das kommt davon, wenn man so leichtgläubig ist und jedem Menschen, der nett zu einem ist, gleich sein Vertrauen schenkt, schimpfte sie sich. Es waren die abfälligen Äußerungen der Bäuerin, die in ihr widerhallten. Sie schnäuzte sich die laufende Nase in ein altes Tuch.
„Signe?“, rief Borge durch die Tür. Seine Stimme klang eigenartig besorgt.
„Ich bin gleich bei der Herrin“, antwortete sie und strich sich über das Gesicht, um die Spuren ihrer Traurigkeit zu verwischen.
„Der hohe Herr wünscht, dass du Karren und Esel vorbereitest und ihn nach Dorfbergen bringst“, klang es gepresst durch die Tür. War der Hausherr wütend oder ängstlich? Signe konnte es nicht einordnen.
Warum sollte sie den Grafen nach Dorfbergen bringen, da er doch offensichtlich von ihr enttäuscht war? Signe stand auf und ging zur Tür.
„Hast du gehört?“, fragte Borge ungehalten, während Signe öffnete.
„Ja, natürlich“, antwortete sie.
„Dann beeile dich“, befahl er, wandte sich ab und ging in die Schlafkammer zu seiner Frau.
Beim Hinabsteigen der Treppe vernahm Signe das Aufschreien und Losheulen der Bäuerin. So hatte sie die Herrin noch nie weinen gehört. Was mochte der Gast zu ihnen gesagt haben?
Mit gesenktem Kopf huschte sie an der Tür zur Stube vorbei, schlüpfte in ein Paar gefütterte Stiefel, die einzigen, die sie besaß, warf sich einen Mantel um und öffnete die Tür nach draußen.
Für einige Augenblicke vergaß sie alles, was sie belastete, denn der Anblick, der sich ihr bot, raubte ihr den Atem.
Dies war einer der raren Glücksmomente in ihrem Leben. Der Schneesturm hatte eine weiße Decke über das Tal gebreitet und durch den Spalt zwischen den Bergen und einigen Nadelbäumen erstrahlte eine goldgelbe Morgensonne.
Wie von den Göttern berührt, fühlte sich Signe für kurze Zeit durchströmt von Freude, und was auch immer an diesem Tag noch geschehen mochte, in diesem Moment erfüllte Dankbarkeit ihr Herz.
Das Krächzen von Krähen riss sie unsanft aus der Versunkenheit. Aufgemuntert stampfte sie durch den Schnee zum Stall. Eine Fahrt nach Dorfbergen ohne die Herrschaften. Das war noch nie vorgekommen.
Um die Tiere im Stall müssen sich die Bauern dann heute wohl selbst kümmern, dachte Signe und ihre Laune stieg noch weiter. Dieser Gedanke versöhnte sie mit der geplatzten Hoffnung, jemals aus dem Bauernhaushalt wegzukommen. Ein einziger Tag war auch schon ein Geschenk.
Kurz darauf standen Esel und Gefährt abfahrbereit vor der Tür. Um es für den Grafen bequemer zu machen, hatte Signe auf der für Waren und Kleinvieh bestimmten Fläche Decken ausgebreitet. Es sah nahezu gemütlich aus. Sie würden das Geruckel des holprigen Weges abfedern, der durch den Schneematsch schwieriger zu bewältigen sein würde als sonst.
Zufrieden mit ihrem Werk kehrte sie ins Haus zurück und staunte, als sie Borge mit einem armseligen Frühstück auf einem Tablett die Treppe hinaufsteigen sah. Gleich darauf hörte sie die quengelnde Stimme der Bäuerin, die nach ihrem Mann rief.
„Brigga, mein Schatz, ich bin ja gleich da“, antwortete Borge verzweifelt, der vor lauter Konzentration nicht mitbekam, dass Signe im Flur stand und ihn beobachtete.
Dieses kuriose Bild gab ihr den notwendigen Mut, dem Grafen wieder unter die Augen zu treten. Sie klopfte an der Tür zur Stube und betrat diese nach Arvids Aufforderung.
„Alles ist bereit, Eure Herrschaft Markgraf von Lebera“, sagte Signe und knickste.
„Ich danke dir. Und mein unwirscher Tonfall tut mir leid. Du hast mich gewarnt, dass es eventuell nicht funktionieren würde. Und immerhin, ich werde kein Krüppel, dank dir. Also, bitte verzeih mir“, sagte er sanft.
Sie beging den Fehler, ihm kurz in die Augen zu blicken, und sogleich gerieten ihre Vorsätze, sich nicht weiter auf den Fremden einzulassen, ins Wanken. Sie vergab ihm sofort.
„Es tut mir leid, dass es nicht funktioniert hat, edler Herr“, sagte sie leise, und es war die Wahrheit. Er stemmte sich mühevoll aus dem Sessel.
„Hast du gepackt?“, fragte er.
„Gepackt?“, entgegnete Signe verwundert. „Was sollte ich denn packen?“
„Na, deine Habseligkeiten. Du wirst doch Eigenes besitzen, oder nicht?“ Er wirkte verunsichert.
„Ja, natürlich, doch warum sollte ich …“
Signe traf die Erkenntnis plötzlich und ihre Knie wurden weich. Sie hielt sich am Kaminsims fest.
Arvid humpelte zügig zu ihr. Mit einer Hand stützte er sich auf den Stock, mit der anderen griff er sie und schlang den Arm um ihre Taille, um sie zu halten, als ihr die Beine wegsackten. Seine unerwartete Nähe ließ ihr Herz schneller schlagen.
„Ich habe nicht geahnt, dass es dir so zu schaffen machen würde, von hier wegzugehen. Es schien mir, als wärest du nicht recht glücklich bei diesen Hausherren“, bemerkte er.
„Nein. Ja!“, widersprach sich Signe hastig und leicht atemlos. Bemüht, seinen Eindruck zu bestätigen, fuhr sie fort: „Das … Ihr habt Euch nicht geirrt. Ich habe die ganze Nacht überlegt, wie ich es Euch sagen soll. Mein größter Wunsch ist es, hier fortzukommen. Ich dachte allerdings, da ich Euer Bein nicht heilen konnte, wäre das Angebot nicht länger gültig. – Es geht schon wieder. Ihr könnt mich loslassen.“
Was er umgehend tat. Etwas zu rasch, wie sie flüchtig dachte, doch auch ihm schien die unerwartete Nähe nicht geheuer zu sein. Er wich zurück und seine Miene wurde abweisend.
„Dann lauf und hole deine Sachen“, befahl er. „Die Tage in diesem Land sind kurz und ich möchte gerne schnellstmöglich von hier verschwinden.“
Sie nickte und die Schwäche wich einem plötzlichen Energieschub, der ihr einen nie gekannten Antrieb verlieh. Sie rannte die Treppe hinauf in ihre Kammer. Dort nahm sie eines ihrer Schultertücher, breitete es auf dem Bett aus und warf die Dinge darauf, die sie besaß. Viel war es nicht: einige Kleider, Tücher und Wollsocken, ein gutes Paar Schuhe, mehrere Schürzen, ein Kamm, etwas selbst bestickte Wäsche und eine verschlissene Puppe.
Anschließend holte sie ein Säckchen unter dem Kopfkissen hervor und ließ den Inhalt in ihre Hand gleiten. Es war eine Kette mit einem Anhänger in Form eines Kleeblattknotens. Sie betrachtete das Schmuckstück kurz und hängte sich die Kette dann zügig um. Darüber legte sie einen Wollschal. Sie schnürte das Tuch zu einem festen Bündel und rannte die Treppe wieder hinunter.
Der Markgraf hatte inzwischen seine Stiefel angezogen, was ihn aufgrund der Verletzung einige Mühe gekostet haben musste. Außerdem hatte er den Mantel angelegt und die Handschuhe übergestreift.
Jetzt stand er auf den Stock gestützt im Flur und blickte Signe entgegen. Seine Augen lagen nicht mehr so tief in den Höhlen wie noch in der Nacht und sein Gesicht hatte an Farbe gewonnen.
In Windeseile öffnete Signe die Haustür und wollte hinausstürmen, als am Treppenabsatz Borge und Brigga Bruck zur Verabschiedung erschienen.
Signe und Arvid blieben in der offenen Tür stehen, während der Bauer langsam die Treppe herunterkam. Sein inneres Widerstreben war ihm anzumerken.
Die Bäuerin indes blieb am Treppenabsatz stehen. Sie hatte ihre Hände in ein Tuch gehüllt, vermutlich damit ihr verfaulter Finger verborgen blieb, und schlug diese nun in dramatischer Geste vor das Gesicht. Sie schluchzte laut auf.
Borge ging auf Signe zu. Seine Finger umklammerten einen Lederbeutel. Er schien schwer und voller Münzen zu sein, wie Signe es bloß ein paar Mal nach dem erfolgreichen Verkauf aller Ferkel auf dem Markt gesehen hatte. Äußerst widerstrebend hielt er ihr den Beutel hin.
Signe blickte ihn verständnislos an.
„Na, nimm schon, du …“ Borge gelang es, die Beleidigung unausgesprochen zu lassen. Ebenso zögerlich, wie der Bauer ihr das Geld entgegenstreckte, nahm Signe es, erstaunt über die großzügige Geste, an.
Aus dem Augenwinkel sah sie, dass der Graf unter dem Mantel seine Hand um den Griff eines Messers legte. Sie hatte die Waffe zuvor nicht bemerkt. Es schien die Einzige zu sein, die er besaß, und es vermittelte ihr ein bislang unbekanntes Gefühl des Beschützwerdens. Offenbar war er bereit, für sie die Klinge zur Not auch zu benutzen. Die Bauern machten jedoch keine Schwierigkeiten. Borge wirkte nahezu erleichtert und Briggas Schluchzen verebbte. Bald schon setzte sie ihre gewohnt hochmütige Miene auf.
„Na dann“, sagte Borge mit gebrochener Stimme. „Halt dich tapfer, Mädchen.“
Er klopfte ihr unbeholfen auf die Schulter und wandte sich ab. Signe sah zur Bäuerin hinauf, deren Blick wiederum hart und abweisend war.
„Ja, geh nur, du undankbares Stück! Und lass den Esel ja in Dorfbergen zurück“, krächzte sie, drehte sich auf dem Absatz um und verschwand.
Die Worte der Dankbarkeit, die Signe auf der Zunge lagen, und das aufkeimende Gefühl der Zuneigung wurden umgehend von Schuldgefühlen überlagert.
„Es tut mir leid“, flüsterte sie.
Arvid nahm ihren Arm, verabschiedete sich mit einem notdürftigen Nicken in Richtung des Bauern und bugsierte Signe humpelnd durch die Tür ins Freie. Dann zog er diese hinter ihnen zu und überließ die Herren des Hauses der Dunkelheit und Kälte ihres Flurs.
Befreit atmete Signe die frische Winterluft ein. Nach wenigen mühseligen Hüpfern durch den Schnee konnte Graf Arvid sich in den ganz in der Nähe stehenden Karren fallen lassen.
Dann drehte sie sich um und blickte das Bauernhaus an. Eine Welle der Traurigkeit erfasste sie, die sie sich nicht erklären konnte, denn glücklich war sie hier nie gewesen. Trotzdem überkam sie Wehmut. Dieses Haus war das einzige Heim, das sie je gekannt hatte. Die blassen Erinnerungen an ihre Mutter und an winzige Momente von Liebe und Geborgenheit waren daran geknüpft. Es kam ihr so vor, als ließe sie auch diese zurück.
Mit widersprüchlichen Gefühlen gab sie ihr Bündel dem Grafen, der es hinter seinem Rücken verstaute. Dann wandte sie sich dem Esel zu und ergriff das Zaumzeug.
„Komm“, sagte sie, erneut Tränen wegwischend, zu dem Tier. „Wir gehen und suchen uns ein neues Zuhause.“
Arvid lächelte, als der Esel das Gefährt nach anfänglicher trotziger Verweigerung durch den Schnee zog und der Karren zu ruckeln begann.

Die Sonne hatte bereits den Zenit überschritten, als sie endlich den tiefverschneiten schmalen Pass überwunden hatten. Schon zogen wieder erste Wolken auf, die hier oben weiteren Schnee und im Tal vermutlich Regen bringen würden. Unter der Anstrengung, den Esel vorwärts zu ziehen, hatte sich der Knoten, der Signes Haare zusammenhielt, vollständig aufgelöst und die Strähnen hingen in ihrem verschwitzten Gesicht fest. Langsam ließ ihre Kraft nach.
„Willst du eine Pause machen?“, rief Arvid, der sich schwertat, einfach in dem Holzkarren zu sitzen und nichts zu tun.
„Ja, mein Herr, gerne. Aber bloß kurz. Es wird bald besser. Seht Ihr dort?“ Signe deutete den steilen Hang hinunter. „Dort ist der Weg befestigt und weniger ausgewaschen. Wir müssen weitergehen, sonst erreichen wir Dorfbergen nicht vor Sonnenuntergang.“
„In Ordnung“, antwortete Arvid. „Komm her und setz dich zu mir.“
Signe hielt den Esel an und blockierte die Räder des Wagens mit zwei Steinen. Dann setzte sie sich zu Arvid.
Sie nahm ihr Schultertuch ab, denn ihr war warm geworden, und versuchte dann, ihre Haare zu bändigen. Arvid bemerkte die Kette mit dem Anhänger, der kurz aufblitzte.
„Das ist eine interessante Kette. Gestern trugst du sie noch nicht.“
„Es ist das Einzige, was ich von meiner leiblichen Mutter besitze. Die Bäuerin mochte nicht, wenn ich sie trug, deshalb habe ich sie all die Jahre in einem kleinen Beutel unter meinem Kopfkissen aufbewahrt. Irgendwie fühlte es sich so an, als würde mich die Kette nachts beschützen.“ Sie lachte verlegen.
„Weißt du, was das für ein Zeichen ist?“, fragte Arvid weiter und deutete auf den Anhänger.
„Das nennt man einen Kleeblattknoten. Ich kann ihn auch mit einem Seil binden. Soll ich es Euch zeigen?“, fragte sie begeistert.
Arvid lachte. „Nein, nein. Ich weiß, wie man einen Kleeblattknoten bindet. Das ist aber nicht nur irgendein beliebiger Knoten. Es handelt sich hierbei um ein sehr altes und vergessenes Zeichen. Ein Symbol aus der Zeit vor der Zersplitterung und älter als das Zeichen der Dualis. Kaum einer in Velcor besitzt noch etwas mit diesem Symbol. Soviel ich weiß, steht es für Geburt, Leben und Tod. Es könnte gut sein, dass der Anhänger dich beschützt hat.“
Er betrachtete Signe genauer und fragte sich, wer wohl ihre Mutter gewesen sein mochte. Das Symbol bedeutete noch mehr als das, was er ihr gesagt hatte. Es war das vergessene Zeichen für Dreiland, einem großen und mächtigen Kaiserreich, das sich dem Mythos nach einst von Velcor bis Umbracor erstreckt hatte. Darüber gab es keinerlei Schriften, sondern nur mündliche Überlieferungen.
Als Junge hatten ihn die Geschichten über Dreiland fasziniert, aber auch geängstigt. Als Erwachsener hatte er jedoch das Interesse verloren.
Eine seiner Ammen hatte das Symbol das „Zeichen der Bestie“ genannt. Sie hatte gesagt, die Bestie würde unartige Jungs holen und mit ihnen schlimme Dinge anstellen. Da war er vier oder fünf Jahre alt gewesen. Kurz darauf hatte seine Mutter diese grausamen Erzählungen gehört und die Amme war aus seinem Leben verschwunden. Das Bild jedoch hatte sich tief in ihm eingebrannt und trotz aller Vernunft löste das Zeichen ein wenig Unbehagen bei ihm aus. Außerdem war er auf dieser Reise nun schon zum zweiten Mal auf den Kleeblattknoten gestoßen und solche Zufälle waren verdächtig.
„Was ist mit Euch?“, fragte Signe, die seinen Stimmungsumschwung bemerkt hatte.
„Entschuldige, ich bin mit den Gedanken abgeschweift. Bist du ausgeruht genug, für den weiteren Abstieg?“
„Ja.“ Signe sprang auf.
„Vielleicht solltest du die Kette verbergen, wenn wir ins Dorf kommen.“
„Warum?“, fragte Signe und runzelte die Stirn.
„Tu es einfach. Ich erkläre es dir später“, entgegnete Arvid.
Signe nickte, doch Arvid wusste, dass seine vertröstende Antwort sie nicht zufriedenstellen würde, und er fragte sich, ob es gar falsch gewesen war, auf diese Weise ihre Aufmerksamkeit erst auf die Besonderheit des Anhängers zu lenken.
Während der Wagen wieder ruckelnd losrollte, holte er den Stofffetzen mit dem rätselhaften Satz hervor, den er in einer Höhle in den Bergen gefunden hatte. Dort, so hatte man ihm erzählt, lebe noch ein alter Morpheo mit großen magischen Fähigkeiten. Doch dieser musste schon einige Jahre tot sein, denn vorgefunden hatte Arvid lediglich ein Skelett. Zwischen den Knochen der gefalteten Hände hatte sich der Stoffstreifen befunden, dessen kaum zu entziffernde Schrift Arvid noch einmal durchlas, bloß um sich erneut seines ersten Eindrucks zu versichern.
Auf dem Stoff war mit einem groben Kiel oder Stock in Blut geschrieben:

Der Schmetterling wird die Chimäre besiegen!

Unter den Worten waren drei blutige Fingerabdrücke, fast wie eine symbolische Unterschrift. Sie überlagerten einander, sodass es wie ein dreiblättriges Kleeblatt aussah.
Der prophetische Satz, die Abdrücke und Signes Halskette beschäftigten ihn nachhaltig, bis sie endlich um die letzte steile Kurve kamen, hinter der der Weg flacher und Dorfbergen in einem Talkessel sichtbar wurde.
Der Ort bestand aus nicht mehr als fünfundzwanzig oder dreißig Häusern, die um einen Brunnen, der zur Verehrung der Dualis diente, errichtet worden waren. Bei dem religiösen Wahrzeichen handelte es sich in den kleinen Dörfern häufig um sehr einfache Darstellungen der beiden Götter.
Der Wassergott Vel blickte nach unten, meist in ein Gefäß, und seine Tränen stellten den Ursprung des Wassers dar, während der Feuergott Umbra mit der Hand nach der Sonne griff. Am Schattenwurf von Umbras Arm konnte bei Sonnenwetter die Tageszeit abgelesen werden. Die gusseiserne Ausführung des Brunnens war in Dorfbergen von eher grober Natur, was dafür sprach, dass der Ort schon lange existierte.
Es dämmerte inzwischen und die Wolken waren dicker und schwerer geworden. Schon bald würde es regnen oder schneien, vielleicht auch beides. Auf jeden Fall lag eine feuchte Kälte in der Luft.
Um den leeren Platz standen fünf Häuser eng beieinander. Eines davon beherbergte eine Schmiede, deren Holztüren weit offen standen.
Davor beschlug ein Mann einen Kaltblüter und blickte erst auf, als er fertig war. Er erkannte Signe und winkte ihr zu. Nachdem er etwas durch ein offenes Fenster gerufen hatte, kam er zu ihnen.
„Signe, Mädchen, was für eine Überraschung!“, begrüßte er sie. „Bist du alleine? Ist mit den Halunken alles in Ordnung?“
„Er meint damit die Bauern“, erklärte Signe.
Arvid lachte, weil er „Halunke“ nun wirklich nicht auf sich bezogen hatte.
„Mit den Brucks ist alles in Ordnung“, ließ sie den Schmied wissen und stellte die Männer einander vor. „Mein Herr, das ist der Dorfschmied Bosko Ratger. Und das ist Markgraf Arvid von Lebera, Gesandter seiner Majestät König Herolf von Angern.“
„Eure Herrschaft! Willkommen in Dorfbergen“, sagte Bosko ehrfurchtsvoll und verbeugte sich.
Der Schmied, ein kräftiger blonder Mann mit leicht ergrautem Bart, machte einen ehrlichen Eindruck. Arvid zog spontan seinen Handschuh aus und streckte Bosko die Hand zum Gruße entgegen. Eine unerwartete Geste für einen Adeligen, doch Bosko zögerte nicht lange und nahm den Handschlag an.
„Ihr seid verletzt?“, fragte er.
„Ja“, antwortete Arvid. „Ich möchte deshalb gerne schnellstmöglich im Gasthaus einkehren.“
„Dort, neben meiner Schmiede ist der Eingang. Kann ich irgendwie helfen?“, fragte Bosko.
„Wenn Ihr den Esel noch bis vor die Tür bringen würdet, denn ich glaube, Signe ist reichlich erschöpft, und ihn dann mitsamt Karren für die Bauern Bruck in Verwahrung nehmen könntet, wäre ich äußerst dankbar.“
„Selbstverständlich, Herr“, sagte Bosko. „Aber wird Signe Tier und Karren nicht wieder mitnehmen, wenn sie zurückkehrt?“
Das Mädchen wollte dem Schmied antworten, aber Arvid kam ihr zuvor.
„Signe wird nicht mehr zurückgehen, sondern eine neue Anstellung erhalten. Ich danke Euch für Eure Hilfe.“
Bosko nickte und blickte Arvid voller Dankbarkeit an. Offensichtlich gefiel ihm, was er hörte. Er nahm Signe die Zügel aus der Hand und sagte: „Es ist gut, dass du die Brucks verlässt. Aber es ist auch schade. Du wirst uns fehlen.“ Er zog an den Zügeln und das Tier folgte widerwillig. Signe ging erleichtert hinter dem Wagen her.
Plötzlich ertönte ein Freudenschrei. Aus der Schmiede rannte ungelenk ein kleiner Junge auf Signe zu und stürzte sich in ihre Arme.
„Das ist ja schön, dich so munter zu sehen. Geht es dir wieder besser?“, fragte sie und knuddelte den Burschen.
Der Junge gab unverständliche Laute von sich. Arvid erkannte, dass er auch sonst ein wenig beschränkt war. Er ging sonderbar und hielt einen Arm gekrümmt am Körper. Bosko hatte Arvids Mitleid. Weder würde der Junge die Schmiede übernehmen noch eine Familie gründen oder die Eltern im Alter versorgen können. Das musste qualvoll für den Mann sein, falls er keine weiteren Kinder hatte, und im Moment war niemand anderes zu sehen.
Signe küsste den Kleinen auf die Stirn und dieser gab verzückte, aber bizarre Geräusche von sich.
Sie erreichten den Eingang zum Gasthof und Bosko zog das Kind liebevoll zu sich.
„Komm, mein Junge, sei brav und lass Signe und ihren Begleiter erst einmal ankommen. Geh und lauf zum alten Ingwin. Er wird wissen wollen, dass hoher Besuch da ist. Bring ihn in die Schenke“, sagte er, aber sein Sohn begann zu quengeln.
„Ich weiß, du kannst das, ja? Sei ein großer Junge!“, ermunterte Bosko seinen Sohn, und schließlich nickte das Kind und lief tollpatschig los. Der Schmied sah ihm nach und seine Miene verdüsterte sich.
Als er bemerkte, dass Arvid ihn beobachtete, fasste er sich sogleich und verbarg seine Gefühle hinter einem gleichmütigen Gesichtsausdruck.
Vor dem Gasthaus stieg Arvid von der Ladefläche des Wagens ab und humpelte mit Signes Hilfe zum Eingang. Sie warteten, bis der Schmied Esel und Karren in den Stall gebracht hatte, mit dem Gepäck zurückkehrte und ihnen die Tür zur Gaststube der Herberge öffnete.

Published inAllgemeinRoman

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