{"id":1261,"date":"2020-01-01T00:20:00","date_gmt":"2019-12-31T23:20:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.janajeworreck.de\/?p=1261"},"modified":"2020-10-06T06:56:39","modified_gmt":"2020-10-06T04:56:39","slug":"2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.janajeworreck.de\/index.php\/2020\/01\/01\/2020\/","title":{"rendered":"Kurzgeschichte: Das Ende der Neun"},"content":{"rendered":"\n<p>(Originaltitel: Tr\u00e4nen sind farblos)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-regular-font-size\">\u201eUnd was ist bei dir so los?&#8220;<br> \u201eDie pikfeine Dame hat mich abserviert. Hat was Besseres gefunden.&#8220; <br> Ich schlucke den Frust \u00fcber diese Tatsache mit einem Gin herunter. Der Barkeeper sieht mich mitf\u00fchlend an. <br> \u201eDas tut mir leid, Mann.&#8220;<br> \u201eDie Schlampe&#8220;, zische ich leise, aber nicht \u00fcberzeugend. Er legt kurz den Finger auf die Lippen \u2026<br><br>.,. Ja, es ist besser, ich bin vorsichtig. Ich sollte Beschimpfungen vermeiden. Das \u201eJokers&#8220; ist die neutrale Zone. Hier treffen sich alle Mitglieder der verschiedenen H\u00e4user und man wei\u00df nie, wer lauscht. <br>Sie ist das Beste, was ich jemals hatte. Auf mir, unter mir und na ja, der Rest d\u00fcrfte klar sein. Aber auch sonst. Mann, diese Frau ist der Wahnsinn: klug, belesen, kultiviert. Von ihrer Sch\u00f6nheit will ich gar nicht anfangen. Unvergleichlich.<br>Doch Athene hat mich wieder zur ordin\u00e4ren Neun degradiert. Vom Lover zum Laufburschen, der bei allem au\u00dfen vor bleibt. Klar, ich k\u00f6nnte das Lager wechseln, aber Athene Piquet\u00e9 ist die K\u00f6nigin. Ihr will man dienen. Zumindest ich will das. Schei\u00dfe. Ich bin j\u00e4mmerlich. Der Barkeeper f\u00fcllt mein Glas.<br> <br>Es dauert nicht lange, da erscheint sie zum Gipfeltreffen in einem rabenschwarzen Kleid, das jede makellose Kurve vorz\u00fcglich betont. Verdammt. An ihrer Seite der neue Lustknabe, sicher f\u00fcnfzehn Jahre j\u00fcnger als sie und f\u00fcnf Jahre j\u00fcnger als ich und \u2026 ach, es lohnt nicht. Nat\u00fcrlich sieht er besser aus. Dann sind da noch ihr \u00e4lterer Bruder Apollo und der j\u00fcngere namens Ares, der Killer. Das Fu\u00dfvolk verteilt sich. Nur M\u00e4nner. Sie ist wie eine Bienenk\u00f6nigin.<br> Ohne mich eines Blickes zu w\u00fcrdigen, geht sie an der Bar vorbei. Das Meer der Anwesenden teilt sich. Der Chef des Lokals grinst, begr\u00fc\u00dft die Lady mit Handkuss. Ihr Gesicht: eine Maske der Perfektion. Eis. Unbewegt. Nur die Augen gl\u00fchen. Die Iriden sind violett. Dann verschwindet die Unvergleichliche im Hinterzimmer.<br> Gestern war ich noch Teil des erlauchten Kreises. Gestern war ich noch der Lover.<br> \u201eHey.&#8220;<br> Red Jane schiebt sich auf den Stuhl neben mich. Sie tr\u00e4gt eine zerrissene Jeans, Boots und ein fleckiges T-Shirt. Lediglich das lederne Schulterhalfter mit der gl\u00e4nzenden Halbautomatik sind in einem Top &#8211; Zustand. Sieht aus, als w\u00e4ren da Diamanten eingearbeitet. Mit beiden H\u00e4nden streift sie sich kr\u00e4ftig durch die knallroten, gelockten Haare. Jetzt stehen sie noch mehr zu allen Seiten, als vorher.<br> \u201eWodka Cranberry.&#8220;<br> Sie grinst mich von der Seite an.<br> \u201eSieh da, der Neunkern. Hab geh\u00f6rt, du wurdest ausgewechselt. Sie hat jetzt einen neuen Buben.&#8220;<br> Klar. Zielstrebig auf den wunden Punkt zusteuern, das ist Janes Art.<br> \u201eWarum verpisst du dich nicht in dein Diamantlager? Musst du nicht bei der Verhandlung dabei sein?&#8220; Ich mag Jane, aber manchmal auch nicht. Jetzt w\u00fcrde ich ihr gerne eine ballern. W\u00e4re aber d\u00e4mlich, denn das hat noch niemand \u00fcberlebt.<br> \u201eBesser nicht. Wenn ich meine Schwester und den Ritter sehen, dann kann ich f\u00fcr nichts garantieren.&#8220;<br> Red Jane hat eine Zwillingsschwester. Man nennt sie Black Jane. Sie ist die Geliebte des Ritterk\u00f6nigs. Sie war nat\u00fcrlich auch einmal ein Diamant, aber wechselte dann das Lager. Jetzt hassen sich die Schwestern.<br><br>Seit langem wird zumindest hier im \u201eJokers&#8220; niemand mehr so angesprochen, wie er nach der Geburt benannt wurde. Ich zum Beispiel hei\u00dfe Christoph Kern. Da ich ein bekannter Stra\u00dfenk\u00e4mpfer bin, machte man aus mir \u201eNeunkern&#8220;. Ich geh\u00f6re zu den Piquet\u00e9, weil ich eine ihrer Kr\u00e4fte erhalten habe, n\u00e4mlich Dinge im Voraus zu wissen. Und zwar genau neun Minuten. Zum Beispiel wei\u00df ich in diesem Augenblick, dass in neun Minuten Karl Herz mit Gefolge eintreffen wird.<br>Ich vermute, diese Vision hat mit Red Jane zu tun. Sie und Karl haben da was am Laufen. Die anderen H\u00e4user beobachten das argw\u00f6hnisch. Es besteht die Angst, die Diamanten und die Herzen k\u00f6nnten sich verb\u00fcnden.<br> Ihre Schwingungen jedenfalls regen offenbar die inneren Bilder an, wie Karl in seinem schicken bordeauxroten Anzug in Slow Motion eintritt. Ich mache mir nichts aus M\u00e4nnern, hab nicht einmal in jungen Jahren dran gedacht und dementsprechend ist das sicher nicht meine Zukunftsphantasie.<br> Es kommt wie erwartet. Karl tritt ein. Red Jane folgt ihm, erst mit ihrem Blick und dann mit ihrer Gestalt ins Hinterzimmer. Es scheint, dass ein bordeauxfarbenes Herz f\u00fcr diese diamantharte Killerin unwiderstehlich ist, trotz der verhassten Schwester. Ich ertr\u00e4nke den Neid auf das Liebesgl\u00fcck der beiden in mehr Gin, w\u00e4hrend die hohen Tiere im Geheimen quatschen.<br><br>Eine dreiviertel Flasche sp\u00e4ter, p\u00fcnktlich neun Minuten vor Ende der Sitzung im Hinterzimmer habe ich eine weitere Vision. Ich sehe den Henker der Ritter eine Waffe ziehen und sie auf Athene richten. Alle anderen Assassinen tun es ihm gleich, w\u00e4hrend der Rest sich unter dem Tisch in Deckung bringt. Athenes neuer Bube starrt schockgefroren auf die vier Eisen. Keine heldenhafte Geste. Ich w\u00fcrde mich vor sie werfen. Der Killer der Ritter schie\u00dft. Athenes j\u00fcngerer Bruder Ares ebenfalls, aber Athene wird dennoch getroffen. Ares t\u00f6tet den Angreifer. Die beiden anderen Asse halten sich raus. Der Rest st\u00fcrmt aus dem Raum.<br><br>Ich falle vom Barhocker bei dem Versuch, abrupt aufzustehen, da ich jetzt ziemlich betrunken bin. Was noch schlimmer ist, ein n\u00fcchternes Ich steht neben mir und nennt mich \u201earmseliger Volldepp&#8220;. Getrieben von dieser ekelhaften schimpfenden Stimme ringe  ich kurz mit meinem K\u00f6rper und stolpere dann zu der T\u00fcr des Hinterzimmers. Die vier Wachm\u00e4nner \u2013 alles Zehnen eines jeden Hauses &#8211; bauen sich vor mir auf.<br> \u201eWo wollen wir denn hin?&#8220;, fragt mich der Zehner von den Piquet\u00e9. Er besitzt eine zehnmal schnellere Reaktion, als normale Menschen.<br> \u201eDu wei\u00dft, dass ich die Zukunft neun Minuten im Voraus sehe?&#8220; Es ist unglaublich anstrengend, nicht zu lallen. \u201eSie ist in Gefahr.&#8220; <br>Ich schwanke hochkonzentriert zu ihm hin und fl\u00fcstere: \u201eDie Ritter wollen sie t\u00f6ten!&#8220;<br>Aus dem Hinterzimmer dringen pl\u00f6tzlich erregte Stimmen. Der Piquet\u00e9-Gorilla sieht mich erst belustigt, dann nachdenklich an. <br>\u201eAlso gut&#8220;, knurrt er er schlie\u00dflich.<br>Die drei anderen W\u00e4chter treten n\u00e4her, doch die Zehn der Piquet\u00e9 reagiert blitzartig. Mit gezielten Hieben schl\u00e4gt er sie nieder, ein Zehntel schneller eben. Er rei\u00dft die T\u00fcr auf. Ich schwanke ihm nach. Die N\u00fcchternstimme in meinem Kopf br\u00fcllt mich an, ich solle mich verdammt nochmal zusammenrei\u00dfen. Kurz werde ich klar im Kopf und finde mein Gleichgewicht.<br><br>Das Ensemble der M\u00e4chtigen erhebt sich. Vier Buben, vier Damen, vier K\u00f6nige und vier Asse.<br>Als ich das Ass der Ritter ansehe, wei\u00df er Bescheid. Doch Black Jane, die Dame der Ritter, entrei\u00dft ihm seine Waffe. Sie zielt und schie\u00dft. Ich springe dazwischen. Die Kugel trifft mich am Hals, Blut spritzt umher. Red Jane erschie\u00dft ihre Schwester. Lautes Geschrei, weitere Sch\u00fcsse.<br><br>Neun Minuten sp\u00e4ter liege ich in ihren Armen. Athenes Hand presst sich auf meinen Hals, doch das Blut str\u00f6mt aus mir heraus. Ich werde ganz leicht. Ihr Gesicht ist nicht mehr wie aus Eis. Es zerflie\u00dft in Tr\u00e4nen. Diese Zukunft hatte ich nicht vorausgesehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Originaltitel: Tr\u00e4nen sind farblos) \u201eUnd was ist bei dir so los?&#8220; \u201eDie pikfeine Dame hat mich abserviert. Hat was Besseres gefunden.&#8220; Ich schlucke den Frust \u00fcber diese Tatsache mit einem Gin herunter. 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