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Kurzgeschichte: Das Ende der Neun

(Originaltitel: Tränen sind farblos)

„Und was ist bei dir so los?“
„Die pikfeine Dame hat mich abserviert. Hat was Besseres gefunden.“
Ich schlucke den Frust über diese Tatsache mit einem Gin herunter. Der Barkeeper sieht mich mitfühlend an.
„Das tut mir leid, Mann.“
„Die Schlampe“, zische ich leise, aber nicht überzeugend. Er legt kurz den Finger auf die Lippen …

.,. Ja, es ist besser, ich bin vorsichtig. Ich sollte Beschimpfungen vermeiden. Das „Jokers“ ist die neutrale Zone. Hier treffen sich alle Mitglieder der verschiedenen Häuser und man weiß nie, wer lauscht.
Sie ist das Beste, was ich jemals hatte. Auf mir, unter mir und na ja, der Rest dürfte klar sein. Aber auch sonst. Mann, diese Frau ist der Wahnsinn: klug, belesen, kultiviert. Von ihrer Schönheit will ich gar nicht anfangen. Unvergleichlich.
Doch Athene hat mich wieder zur ordinären Neun degradiert. Vom Lover zum Laufburschen, der bei allem außen vor bleibt. Klar, ich könnte das Lager wechseln, aber Athene Piqueté ist die Königin. Ihr will man dienen. Zumindest ich will das. Scheiße. Ich bin jämmerlich. Der Barkeeper füllt mein Glas.

Es dauert nicht lange, da erscheint sie zum Gipfeltreffen in einem rabenschwarzen Kleid, das jede makellose Kurve vorzüglich betont. Verdammt. An ihrer Seite der neue Lustknabe, sicher fünfzehn Jahre jünger als sie und fünf Jahre jünger als ich und … ach, es lohnt nicht. Natürlich sieht er besser aus. Dann sind da noch ihr älterer Bruder Apollo und der jüngere namens Ares, der Killer. Das Fußvolk verteilt sich. Nur Männer. Sie ist wie eine Bienenkönigin.
Ohne mich eines Blickes zu würdigen, geht sie an der Bar vorbei. Das Meer der Anwesenden teilt sich. Der Chef des Lokals grinst, begrüßt die Lady mit Handkuss. Ihr Gesicht: eine Maske der Perfektion. Eis. Unbewegt. Nur die Augen glühen. Die Iriden sind violett. Dann verschwindet die Unvergleichliche im Hinterzimmer.
Gestern war ich noch Teil des erlauchten Kreises. Gestern war ich noch der Lover.
„Hey.“
Red Jane schiebt sich auf den Stuhl neben mich. Sie trägt eine zerrissene Jeans, Boots und ein fleckiges T-Shirt. Lediglich das lederne Schulterhalfter mit der glänzenden Halbautomatik sind in einem Top – Zustand. Sieht aus, als wären da Diamanten eingearbeitet. Mit beiden Händen streift sie sich kräftig durch die knallroten, gelockten Haare. Jetzt stehen sie noch mehr zu allen Seiten, als vorher.
„Wodka Cranberry.“
Sie grinst mich von der Seite an.
„Sieh da, der Neunkern. Hab gehört, du wurdest ausgewechselt. Sie hat jetzt einen neuen Buben.“
Klar. Zielstrebig auf den wunden Punkt zusteuern, das ist Janes Art.
„Warum verpisst du dich nicht in dein Diamantlager? Musst du nicht bei der Verhandlung dabei sein?“ Ich mag Jane, aber manchmal auch nicht. Jetzt würde ich ihr gerne eine ballern. Wäre aber dämlich, denn das hat noch niemand überlebt.
„Besser nicht. Wenn ich meine Schwester und den Ritter sehen, dann kann ich für nichts garantieren.“
Red Jane hat eine Zwillingsschwester. Man nennt sie Black Jane. Sie ist die Geliebte des Ritterkönigs. Sie war natürlich auch einmal ein Diamant, aber wechselte dann das Lager. Jetzt hassen sich die Schwestern.

Seit langem wird zumindest hier im „Jokers“ niemand mehr so angesprochen, wie er nach der Geburt benannt wurde. Ich zum Beispiel heiße Christoph Kern. Da ich ein bekannter Straßenkämpfer bin, machte man aus mir „Neunkern“. Ich gehöre zu den Piqueté, weil ich eine ihrer Kräfte erhalten habe, nämlich Dinge im Voraus zu wissen. Und zwar genau neun Minuten. Zum Beispiel weiß ich in diesem Augenblick, dass in neun Minuten Karl Herz mit Gefolge eintreffen wird.
Ich vermute, diese Vision hat mit Red Jane zu tun. Sie und Karl haben da was am Laufen. Die anderen Häuser beobachten das argwöhnisch. Es besteht die Angst, die Diamanten und die Herzen könnten sich verbünden.
Ihre Schwingungen jedenfalls regen offenbar die inneren Bilder an, wie Karl in seinem schicken bordeauxroten Anzug in Slow Motion eintritt. Ich mache mir nichts aus Männern, hab nicht einmal in jungen Jahren dran gedacht und dementsprechend ist das sicher nicht meine Zukunftsphantasie.
Es kommt wie erwartet. Karl tritt ein. Red Jane folgt ihm, erst mit ihrem Blick und dann mit ihrer Gestalt ins Hinterzimmer. Es scheint, dass ein bordeauxfarbenes Herz für diese diamantharte Killerin unwiderstehlich ist, trotz der verhassten Schwester. Ich ertränke den Neid auf das Liebesglück der beiden in mehr Gin, während die hohen Tiere im Geheimen quatschen.

Eine dreiviertel Flasche später, pünktlich neun Minuten vor Ende der Sitzung im Hinterzimmer habe ich eine weitere Vision. Ich sehe den Henker der Ritter eine Waffe ziehen und sie auf Athene richten. Alle anderen Assassinen tun es ihm gleich, während der Rest sich unter dem Tisch in Deckung bringt. Athenes neuer Bube starrt schockgefroren auf die vier Eisen. Keine heldenhafte Geste. Ich würde mich vor sie werfen. Der Killer der Ritter schießt. Athenes jüngerer Bruder Ares ebenfalls, aber Athene wird dennoch getroffen. Ares tötet den Angreifer. Die beiden anderen Asse halten sich raus. Der Rest stürmt aus dem Raum.

Ich falle vom Barhocker bei dem Versuch, abrupt aufzustehen, da ich jetzt ziemlich betrunken bin. Was noch schlimmer ist, ein nüchternes Ich steht neben mir und nennt mich „armseliger Volldepp“. Getrieben von dieser ekelhaften schimpfenden Stimme ringe ich kurz mit meinem Körper und stolpere dann zu der Tür des Hinterzimmers. Die vier Wachmänner – alles Zehnen eines jeden Hauses – bauen sich vor mir auf.
„Wo wollen wir denn hin?“, fragt mich der Zehner von den Piqueté. Er besitzt eine zehnmal schnellere Reaktion, als normale Menschen.
„Du weißt, dass ich die Zukunft neun Minuten im Voraus sehe?“ Es ist unglaublich anstrengend, nicht zu lallen. „Sie ist in Gefahr.“
Ich schwanke hochkonzentriert zu ihm hin und flüstere: „Die Ritter wollen sie töten!“
Aus dem Hinterzimmer dringen plötzlich erregte Stimmen. Der Piqueté-Gorilla sieht mich erst belustigt, dann nachdenklich an.
„Also gut“, knurrt er er schließlich.
Die drei anderen Wächter treten näher, doch die Zehn der Piqueté reagiert blitzartig. Mit gezielten Hieben schlägt er sie nieder, ein Zehntel schneller eben. Er reißt die Tür auf. Ich schwanke ihm nach. Die Nüchternstimme in meinem Kopf brüllt mich an, ich solle mich verdammt nochmal zusammenreißen. Kurz werde ich klar im Kopf und finde mein Gleichgewicht.

Das Ensemble der Mächtigen erhebt sich. Vier Buben, vier Damen, vier Könige und vier Asse.
Als ich das Ass der Ritter ansehe, weiß er Bescheid. Doch Black Jane, die Dame der Ritter, entreißt ihm seine Waffe. Sie zielt und schießt. Ich springe dazwischen. Die Kugel trifft mich am Hals, Blut spritzt umher. Red Jane erschießt ihre Schwester. Lautes Geschrei, weitere Schüsse.

Neun Minuten später liege ich in ihren Armen. Athenes Hand presst sich auf meinen Hals, doch das Blut strömt aus mir heraus. Ich werde ganz leicht. Ihr Gesicht ist nicht mehr wie aus Eis. Es zerfließt in Tränen. Diese Zukunft hatte ich nicht vorausgesehen.

Published inAllgemeinFantasySchreiben